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Writings Mauern7. Oktober 2003 Meine Erfahrungen in Berlin wärend der Wiedervereinigung, und meine Gedanken über Ovids Erzählung von Pyramus und Thisbe. |
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Mauern7. Oktober 2003 Meine Erfahrungen in Berlin wärend der Wiedervereinigung, und meine Gedanken über Ovids Erzählung von Pyramus und Thisbe.Click here for the English version.
Dieser Artikel wurde als Programmnotizen zu der Im frühen zwanzigsten Jahrhundert erlebte Deutschland einerseits mit der Weimarer Republik eine der liberalsten (wenn auch unstabilsten) Demokratien, die die Welt je kannte, andererseits jedoch - innerhalb eines Augenblicks - machte gerade dies den Weg frei für ein Regime, das so korrupt und gesetzlos war, dass nicht nur Deutschland selbst, sondern auch der größte Teil des übrigen Europas von ihm zerstört wurde. Während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts beherbergte Deutschland gleichzeitig eine der wohlhabendsten kapitalistischen Gesellschaften in West Europa und die strengste kommunistische Diktatur des Ostblocks. Dort wo diese zwei Gegensätze sich berührten, wurde eine Mauer gebaut, zwei moderne Kulturen durch eine mittelalterliche Vorrichtung voneinander getrennt. Die Mauer umgab West Berlin, doch diejenigen, die man damit einsperren wollte, waren außerhalb dieser Mauer, und viele starben bei dem Versuch hineinzugelangen. Angesichts solcher Dichotomien und Verkehrungen jeglicher Logik innerhalb der deutschen Geschichte lässt sich die Berliner Mauer leicht verstehen. Als ich zum erstenmal Berlin besuchte und die Mauer sah, war ich weniger erstaunt wegen ihrer Größe, ihres Zynismus, ja selbst wegen ihrer Verachtung des menschlichen Lebens, als vielmehr wegen ihrer metaphorischen Kraft. Überall entdeckte ich plötzlich Mauern, wirkliche Mauern, politische, psychologische: um Gärten herum, in Geschäften, in anderen Menschen, in mir selbst, zwischen Familien, zwischen Liebenden. Es wurde mir klar, dass die Berliner Mauer nicht nur eine deutsche Metapher war, sondern eine menschliche, und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich ein Werk schaffen wollte, das in irgend einer Weise von Berlin und seiner Mauer handelt. Die Geschichte von Pyramus und Thisbe ist bekannt: Sie sind junge Liebende, die im alten Babylon lebten. Ihre Familien hatten ihnen jeglichen Kontakt untersagt, sodaß sie planten sich eines nachts hinweg zu stehlen. Aufgrund von falsch interpretierten Signalen und unreifem Märtyrertum, endet die Geschichte mit dem Tod der Liebenden und der völligen Verzweiflung der Familien. In den zweitausend Jahren seit Ovid Pyramus und Thisbe schrieb, gab es viele Nacherzählungen der Geschichte, am bekanntesten die von Shakespeare in Romeo und Julia. Anders als Romeo und Julia waren die meisten Adaptionen dieser Dichtung wenig mitfühlend mit dem tragischen Paar. Selbst Shakespeare konnte nicht widerstehen und verulkte Ovids Charaktere in A Midsummer Night’s Dream. Als ich jedoch Ovids Parabel zum erstenmal las, fand ich ein faszinierendes Detail: Die beiden Liebenden leben als Nachbarn, und ihre Häuser werden von einer gemeinsamen Mauer getrennt. Die Mauer trennt sie, deshalb verachten sie sie. Aber sie finden einen kleinen Riß, durch den hindurch sie sich ihre Zuneigung flüsternd gestehen können, durch ihn hindurch schmieden sie ihre verhängnisvollen Pläne. Mein Ballet Pyramus und Thisbe hatte einen glücklichen Beginn. Eine rechtzeitige Bewerbung bei der Guggenheim Foundation im Sommer 1989, um „eine Oper (sic) über den Bau der Berliner Mauer zu schreiben, basierend auf dem Mythos von Pyramus und Thisbe“, erlaubte es mir im April 1990 - nur sechs Monate nach Maueröffnung - nach Berlin zu ziehen. Früher kannte ich mich in Berlin gut aus und war bestrebt, Checkpoint Charlie, das Brandenburger Tor und andere Wahrzeichen des Kalten Krieges zu besuchen, um nachzusehen, was sich verändert hatte. Aber schnell entdeckte ich, dass die interessantesten Veränderungen sich in den Ecken und Nischen der Stadt vollzogen hatten. Ein Teil Berlins, der mich immer fasziniert hatte, war Bernauerstrasse, eine lange, gerade Strasse in dem Stadtteil Wedding. Bernauerstrasse bezeichnete die Grenze zwischen dem französischen und dem sovietischen Sektor des besetzten Berlins, und so verlief die Mauer über die gesamte Strecke der Strasse auf einer ihrer Seiten entlang. Vor 1990, wenn man die Bernauerstrasse in nördlicher Richtung entlang spazierte, endeten die Strassenkreuzungen einfach auf der rechten Seite, abgeschnitten durch die Mauer. Ein Schild an jeder dieser Kreuzungen warnte: „Sie verlassen den französischen Sektor“, selbst wenn man nicht mehr als 3 Meter weiter gehen konnte. Eine dieser Kreuzungen hatte immer noch alte, in sie eingebettete Strassenbahngleise, nun amputiert durch die Mauer. Manchmal schien es als wäre diese viereinhalb Meter hohe Betonplatte vom Himmel gefallen. 1990 ging ich wieder nach Wedding, doch diesmal, als ich aus der U-Bahn-Station neben der Bernauerstrasse herauskam, sah ich einen schroffen Durchbruch in der Mauer, dort, wo an einer der Kreuzungen die Strasse nun wieder mit ihrer östlichen Fortsetzung durch ein Band aus Asphalt verbunden war. Ein Grenzsoldat stand auf der einen Seite vor einer kleinen, schräg geneigten Hütte, während Autos und Fußgänger ungehindert passierten. Ich sah nichts anderes als Menschen, die ihren Geschäften nachgingen, die Besorgungen machten, Besuche abstatteten. Aber das war etwas, das hier seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr geschehen war. Ich kaufte mir ein Bier und eine Bockwurst bei einem Straßenhändler, setzte mich auf den Bordstein, und beobachtete. Ich entdeckte unerwartete Passagen nicht nur in der Mauer sondern auch unterirdisch. West Berliner U-Bahn-Linien gingen schon immer unter Teilen von Ost Berlin hindurch, aber vor 1990 schlichen sie immer durch die geschlossenen U-Bahn-Stationen ohne anzuhalten. Bewaffnete Wachen auf den Bahnsteigen sicherten dieses Geschehen. Nun waren keine Wachen mehr da und die Züge hielten an. Neugierig stieg ich an einer dieser Stationen aus dem Zug, stieg die Treppen zur Strasse hinauf und fand mich selbst wieder in der Mitte einer Kreuzung. Die Kommunisten hatten den Eingang zur U-Bahn-Station zubetoniert, aber ein Presslufthammer hatte ihn leicht wieder geöffnet. Der Eingang war nun ein grob aufgeschlagenes Loch in der Mitte der Strasse, umgeben von Pfeilern und gelben Warnbändern der Polizei, mit denen die Autofahrer um das Loch herumgeleitet wurden. Für einen Ausländer, der 1990 in Berlin lebte, war es leicht zu empfinden, dass die Welt auf dem Kopf stand. Nach einem Tagesbesuch bei einigen neuen Musikerbekannten in Ost Berlin versuchte ich, die Wache an einer nahegelegenen Grenzkreuzung davon zu überzeugen, mich dort nach West Berlin zurückgehen zu lassen, damit ich nicht wieder den Weg zurück zu Checkpoint Charlie machen musste, den von allen Ausländern zu benutzenden Grenzübergang. Während ich den Wachposten inständig bat, strömten Ostdeutsche neben mir in den Westen, zeigten ihm ihren Pass ohne je den Schritt zu unterbrechen. Auf solche Bilder zurückschauend ist es leicht zu verstehen, warum die Deutschen von der Rhetorik, die die Wiedervereinigung für unabwendbar erklärte und die aus jedem Kommentar und aus jeder politischen Rede heraustönte, so leicht überzeugt werden konnten. 1989 schien ein wiedervereintes Deutschland eine absurde Fantasie, doch nun waren Strassen wiederverbunden und U-Bahn-Stationen wiedereröffnet, um Berlin kopfüber wieder zu einer Stadt zu machen, sich nicht daran störend, dass eine internationale Grenze immer noch durch ihr Zentrum hindurchschnitt. Trotz besorgter Nachbarn, die nicht bestrebt waren, ein als größte Macht in Europa wiedererscheinendes Deutschland zu erleben, war am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung erreicht, weniger als ein Jahr nach der bemerkenswerten Nacht im vorangegangenen November, als die Mauer geöffnet wurde. Aber für meine ostdeutschen Freunde, die zusehen mussten, wie ihr Land sich allem Westlichen übergab – der Regierung, der Währung, dem Handel, der Werbung –, gab es nur wenig was ihnen wie „Wiedervereinigung“ vorkam. Man war allgemein der Ansicht, dass alles, was „Ossi“ war, gehen musste. Meine Freunde wiesen darauf hin, dass gut lesbare Strassenschilder in Ost Berlin plötzlich ersetzt wurden durch westliche Schilder mit identischem Text. Berlin hatte jetzt doppelte Museumsverwaltungen, Büchereien, Kunst- und Musikakademien. In jedem Fall war es das Ostdeutsche, was geschlossen wurde. Ostdeutsche waren tief frustriert und gekränkt durch die Unterstellung, dass sie selbst nichts zu bieten hätten im Prozess der Wiedervereinigung. Westdeutsche, andererseits, waren beunruhigt durch die steigenden Steuern, mit denen man die Ostdeutsche Infrastruktur wieder aufbauen wollte, mit denen man Fabriken schließen oder entsorgen wollte, die die Luft und die Erde verschmutzt hatten, unbeachtet über fünfundvierzig Jahre. Deutschland war wiedervereint, aber es war noch ein weiter Weg um ein gemeinsames Land zu werden, und Ressentiments wuchsen auf beiden Seiten. So, da war ich nun, bis zum Hals in der panischen Energie dieses neuen Berlin, und ich begann zu komponieren. Es brauchte nicht lange bis ich bemerkte, dass die musikalischen Ideen, die ich skizzierte, nicht sehr opernhaft waren. Die lebhaften Rhythmen und geschäftigen Melodien empfahlen eine andere Behandlung. Aber das schien nicht einherzugehen mit dem düsteren Tonfall des Mythos, noch war es der sehr wichtigen Metapher angemessen, die ich gestalten wollte. Die Skizzen wanderten in die Schublade und blieben dort für zehn Jahre. 2001 schaute ich mir diese Skizzen zum erstenmal wieder an seit ich sie geschrieben hatte, und mir wurde klar, dass sie genau meine Erfahrungen in Berlin widerspiegelten. Ich entschied daraufhin, sie als ein Ballett wiedererstehen zu lassen. Mein Pyramus und meine Thisbe sind genauso zielstrebig und waghalsig wie Ovids Charaktere, aber in dieser modernisierten Erzählung sind sie ebenso Menschen mit selbstsüchtigen, hinterhältigen Motiven für ihr Handeln. Zum Beispiel portraitiert die Musik zu Thisbes Traum von Pyramus (zweiter Satz, Pas de Deux I), ihre sentimentalen Fantasien über ihn. Ihre Emotionen sind flüssig, sie ist entzückt und vorsichtig zugleich. Aber letztendlich sieht sie ihn als ein großartiges, kraftvolles, verführerisches Tier, bereit, sie zu beschützen, sie zu lieben und ihr das Leben zu bereiten, das sie verdient. Die Wirklichkeit von Pyramus ist weniger vornehm als Thisbes Vorstellungen, wie man an der Darstellung im zweiten pas de deux (vierter Satz) erkennen kann. Die Verführungs-Musik des ersten pas de deux kehrt wieder, doch ist sie hier gewalttätig und rasend.. Er möchte sie nehmen, sie besitzen, aber indem er dies tut fragt er sich, welchen Preis er später dafür wird zahlen müssen. Ovids Parabel hat man als eine wissenschaftliche Abhandlung über Liebe und Hingabe angesehen. Die Liebenden verständigen sich durch die Mauer hindurch, die sie trennt, ihre Sehnsüchte sich zuflüsternd bis sie es nicht mehr aushalten können und planen zu entfliehen. Aber am Ende dieser Dichtung bietet Ovid eine andere Perspektive an. Ihr Rendezvous geht schief, und Pyramus verfällt fälschlicherweise dem Glauben, Thisbe sei tot. Er stößt sein Schwert in seine Seite, nicht leben wollend, wenn er nicht mit ihr sein kann. Aber als Thisbe wenig später erscheint und versucht Pyramus aufzuwecken, spielt Ovid einen grausamen Streich: Pyramus hörte den Namen „Thisbe“ – da schlug er die Augen (Übersetzung: Hermann Breitenbach) Auf diese Weise zwingt Ovid Pyramus im Augenblick des Todes zu erkennen, dass er kein tragisch Liebender ist sondern ein Narr. Plötzlich ist die Mauer wieder zwischen ihnen. Die Charaktere Pyramus und Thisbe mögen hier ein geteiltes Deutschland repräsentieren, aber viel wesentlicher repräsentieren sie den geteilten deutschen Geist. In ihrer metaphorischen Kraft ist die Mauer die eigentliche Hauptfigur der Geschichte. Jedenfalls scheint Ovid zu sagen, dass es aus der Mauer kein Entrinnen gibt – man kann von ihr fortlaufen, oder sie niederreissen, aber sie wird zurück kommen. In deinem schlimmsten Augenblick wird sie wieder vom Himmel fallen. Für seine großzügige Hilfe bei der Übersetzung dieses Artikels möchte ich mich bei Cord Meijering bedanken. —Jeffery Cotton |
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